1970
Das Grundstück
Das Vorderhaus Seebener Straße 5 (eigentlich 5a oder b) ist eines
der letzten Fischerhäuser Giebichensteins und bildete mit der
damaligen Pauline, vis - a - vis (wo heute der Neubau der Burg
steht, da hat Wasja mal gewohnt) mit seinem königsgelben Farbanstrich
die dörflichen Reste Giebichensteins. Das Grundstück wird zu
dieser Zeit von ehemaligen Burgstudenten, Architekt Jürgen Klepka,
Formgestalter Thomas Anders im Vorderhaus und einer 3köpfigen Familie
im Hinterhaus bewohnt. Diese Familie zog aus, da das Hinterhaus für
Wohnzwecke gesperrt wurde.
1971 Objektgründung
Eckehard Werner, Burgstudent und Sohn des Pfarrers der Giebichensteiner
Bartholomäuskirche, übernimmt für einen monatlichen
Mietpreis von 12,50 MDN das Hinterhaus als Atelier und Werkstatt und nennt
das Atelier OBJEKTFÜNF. Namengebung und Namensfindung
entsprechen dem Zeitgeist (68iger, Apo, Kommunarden etc.), der aus dem
Westen rüberschwappt, und ist beeinflußt von solchen Namen wie
z.B. Kommune 1 oder Kommando Pimperle. Es war auch die Zeit der Pop art
und der Flower Power. Der am Hinterhaus noch zu sehende Namenszug Ecki
Werner spiegelt die Typografie dieser Zeit. Am Gartentor wird ein
großes Schild mit dem Schriftzug OBJEKTFÜNF
befestigt, das aber nur wenige Tage hängt, da der bedenkentragende
Mitbewohner Thomas Anders Scherereien befürchtet. Als Ersatz
befestigt E. Werner wenig später ein großes Logo in Form einer
stilisierten Fünf am Tor, das ca. vier Jahre dort hängt und von
den Machthabern im gegenüberliegenden weißen
Haus (damals saß dort noch der Rektor der Burg) mit Mißtrauen
beäugt wird.
1971
bis 1977 Die wilde Zeit
Das Objekt wird nur noch von Thomas Anders und Eckehard Werner genutzt.
Stadtbekannt wird das OBJEKTFÜNF durchdie zunächst
von Eckehard Werner und später auch von Thomas Anders und Gabriele
Hahn veranstalteten Hoffeste. Die Hoffeste laufen nach einem einfachen
Muster ab. Nach dem Prinzip Weitersagen lassen sich manchmal
in nur einem Tag bis zu 200 Leute mobilisieren. Im Getränkestützpunkt
Burgstraße, gleich neben Wasja, gibt's Bier in Kommission. Nicht
verbrauchtes Bier wird zurückgenommen. Fleischer Weiß an der
Ecke liefert Bratwurst und Bäcker Assmann Brötchen. Herr
Hermann, Werkstattleiter im weißen Haus, stellt den großen
Burggrill zur Verfügung. Im Hof des OBJEKTFÜNF hängt
ein Eimer als Kasse des Vertrauens, in die jeder seinen Obolus entrichtet.
Die Kasse schließt immer mit Gewinn. Gefeiert wird bis früh.
Die Frühschicht der Straßenbahner des gegenüberliegenden
Depots steht öfters morgens im Hof und starrt entgeistert auf eine
wild hottende Meute. Der Lärm zieht jede Menge Leute aus der
Nachbarschaft an. Die Boxer des internationalen Chemiepokals, die immer in
der Felsenstraße wohnen, oft Schwarze, bringen erstmalig Dollars in
die Kasse. Alles was Rang und Namen in der Kunst - und Taxifahrerszene
hat, hottet im OBJEKTFÜNF ab. Wenn an solchen Abenden
Halles Kneipen schließen, wird es im OBJEKTFÜNF
voll. Schwachstelle der Feste ist und bleibt das einzige funktionierende
Clo. Eine wichtige Rolle spielt die Musiktechnik bei den Festen. Besonders
Klaus Heuwinkels (genannt Stahlarm) selbstgebaute PALL MALL Box. Diese
riesige, rote Lautsprecherbox hat einen PALL MALL Aufkleber und eine
Reichweite bis zur Lutherlinde. Eines dieser Hoffeste ist besonders zu erwähnen,
da in seinem Verlauf der Atomphysiker Larry aus Berlin und Jacob Manthey
aus Halle in einem unheimlichen Kraftakt den Dachstuhl des Hintergebäudes
vom Nachbargrundstück (hinter der Bühne des heutigen OBJEKTFÜNF
) mit bloßen Händen abreißen und in einem gigantischen
Feuer verbrennen. Der Staatsschauspieler Wolfgang Winkler (heute in
einigen Krimis zu sehen) deklamiert dazu wichtige Verse, während die
PALL MALL Box bis zur Lutherlinde bellt.
1977
bis 1984 Etablierung und Langeweile
Nach seinem Diplom 1977 macht Eckehard Werner aus OBJEKTFÜNF
das Designbüro OBJEKTFÜNFDESIGN. Hoffeste finden nur
noch selten statt. Das Publikum wird homogener, die Feste werden
langweiliger. Mitbewohner Thomas Anders schafft sich Gabriele Hahn und
somit Familie an. Rege Renovierungsarbeiten und Umbauten finden statt.
Kleine Beete und Blumenrabatten machen sich im Hof breit. Man trifft sich
nachmittags in kleiner Runde im OBJEKTFÜNF zum Kaffee.
Mit Frau und Kinderwagen. Die Gespräche drehen sich im Kreise. Hauptsächlich
um die beginnende Übersiedlungs- und Fluchtbewegung von Freunden und
Bekannten gen Westen. Aber der Name OBJEKTFÜNF ist nach
wie vor präsent als Schriftzug am Auto von Eckehard Werner. Eigentümlicherweise
wird das OBJEKTFÜNF in den ganzen Jahren von Sta-si und
Polizei verschont (bis auf wenige Lärmanzeigen von Nachbarn). Ob das OBJEKTFÜNF
stasiaktenkundig war, ist unbekannt, da Eckehard Werner noch keinen
Einblick in seine Stasiakte hatte. Vielleicht haben Thomas Anders oder
Gabriele Hahn ihre Akten schon gesehen?
1984 Das vermeintliche Ende
Im März 1984 löst Eckehard Werner das OBJEKTFÜNFDESIGN
auf und siedelt nach'em Westen über. Die Räume im Hinterhaus übernimmt
sein Bruder Thomas Werner, der als Kellner im Café Schade jobt.
nach 1984
Gemeinsam mit Andreas Hilpert bewohnt Thomas Werner die Räume bis
Herbst 1984. Danach verkauft er die Räume für 500 Mark an Klaus
Henschel (Tischler in Nietleben). Dieser reicht das OBJEKTFÜNF
an einen gewissen Mitschke weiter (der bei einem Autounfall in Halle ums
Leben kommt, gemeinsam mit dem Behnke Sohn, Gosenwirt). Mehr weiß
ich nicht.
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