Markus Keitel: Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. (Teil 2 ... ab 1992)

Man muß die Feste feiern, wie sie fallen ! Anfang ’92 tauchten neue Schwierigkeiten auf. Aus München kam ein Rückführungsanspruch für das Grundstück Seebener Straße 5. Familie Mitschke und uns war es bis zu diesem Zeitpunkt nicht gelungen, den Kaufvertrag von Klaus aus der „Modrow-Zeit“ in eine Grundbucheintragung umzusetzen. Die Zukunft vom Objekt 5 war plötzlich in Frage gestellt.
Es mußte so viel getan werden im Objekt. Der bauliche Zustand verschlechterte sich zunehmend. Wir stellten bei der Stadt einen Antrag auf „Investitionsvorrang“. In diesem Antrag formulierten wir unsere Pläne baulich und inhaltlich. Ein schönes Konzept wurde vorgestellt, aber leider wollte es keine Bank finanzieren. Ein Finanzierungsnachweis wäre aber nötig gewesen, um unseren Antrag positiv zu bearbeiten. Es war eine Teufelskreis.
Notwendige Arbeiten an den Häusern führten wir trotzdem durch. Das kleine gelbe Fischerhaus bekam ein neues Dach, eine neue Fassade, Fachwerkteile wurden ausgewechselt, und der Giebel der „Ruine“ wurde saniert. Inhaltlich ging es weiter wie bisher. Mit Armen und Beinen wehrten wir uns gegen den Gedanken, jemand könnte uns unser Objekt wegnehmen.

Zum zweiten Objektgeburtstag kam sogar noch eine Neuerung hinzu. Am 1. Mai 1993 eröffnete der Biergarten.
Inzwischen wurde uns mitgeteilt, daß die Rückübertragungsansprüche aus München zu Recht bestünden und diesem Antrag stattgegeben würde. Das bedeutete im Klartext: die Eltern von Klaus würden die 1990 schon gezahlte Kaufsumme zurückbekommen, und wir hätten nur die Chance, uns mit den Münchnern zu einigen oder das Objekt zu räumen. Rechtsanwälte aus München und Halle wurden jeweils beauftragt, eine Lösung herbeizuführen. Allerdings ohne nennenswerten Erfolg.
Ungefähr zur selben Zeit begannen uns die Ordnungsämter der Stadt aufs Korn zu nehmen. Der nach wie vor improvisierte Zustand des Objekts entsprach in keinster Form mehr den geforderten Standards. Veränderungen wurden eingefordert, oder man würde das Objekt schließen. Keiner wußte, ob wir morgen noch im O5 sein könnten, denn wir hatten keine Ahnung, wie die Sache mit dem Alteigentümer ausgehen würde, notwendige Investitionen, wie von amtswegen gefordert, waren ohne Kredite nicht möglich, und bei einer derart ungeklärten Rechtslage kreditierte keine Bank der Welt - eben ein Teufelskreis.
In dieser ausweglosen Situation entschieden wir uns dafür, einen Brief direkt an den Alteigentümer in München zu schicken. In diesem Brief schilderten wir unsere Situation, was bis dato so gelaufen und geschehen war, den momentanen Zustand zwischen uns und den Ämtern dieser Stadt und was wir für die Zukunft geplant hatten. Gleichzeitig baten wir um eine Gespräch. Obwohl wir nicht viel Hoffnung hatten, kam wenig später ein sehr höflicher Antwortbrief. Man war durchaus bereit, mit uns zu reden bzw. sich in Halle zu treffen. Mehrere Gespräche folgten und führten dazu, daß wir unser Objekt 5 im Herbst 1996, natürlich nur mit Unterstützung guter Freunde, kaufen konnten.

Die Eigentumsfrage war somit endlich geklärt, und es gab wieder Chancen, aus dem Objekt das zu machen, was wir uns vor Jahren schon erträumten. Nun sollte sich auch am improvisierten Zustand des Objektes etwas ändern. Die Auflagen der Stadt mußten erfüllt werden. Außerdem waren wir mit gewissen Unzulänglichkeiten technischer und baulicher Art auch nicht mehr so ganz glücklich. So ging es an die Planung des nächsten Umbaus.
Uns wurde sehr schnell klar, daß diese Baumaßnahmen kein Kinderspiel werden. Zum einen aus finanzieller Sicht, aber wir hatten auch große Bedenken, das Ambiente zu zerstören und kein neues vergleichbares schaffen zu können. Der Kulturverein beantragte Fördermittel bei Land und Kommune. Die Kneipe nahm Kredite zur Finanzierung des Umbaus auf. Mit Erleichterung nahmen wir zur Kenntnis, daß das Regierungspräsidium Halle unser eingereichtes Konzept für förderwürdig hielt. Ohne diese Unterstützung wären die jüngsten Baumaßnahmen, trotz großer Eigenleistungen und hohen Eigenmitteln, nicht denkbar gewesen. Ein gutes Team, bestehend aus Architekt, Generalunternehmer, Verein und Kneipe und vielen Freunden und Bekannten, machte aus den Plänen auf dem Papier eine Realität im Objekt 5, die sich, wie ich finde, sehen lassen kann. Und so freuen wir uns auf die nächste Eröffnung des alten - neuen Objekts zu unserem 7. Geburtstag, am 1. Mai 1998.

Es ist nicht ganz einfach, einen so großen Zeitraum zu beschreiben oder zu begreifen. Ich denke, es war die Zeit der großen und kleinen Pleiten, aber vor allem der kleinen und großen Erfolge. So viele schöne Dinge sind passiert, von denen wir am 1. Mai 1991 nicht zu träumen gewagt hätten. Einige Highlights fallen mir ein, wie z. B. Konzerte von Fallow Travellers, Towns van Zaandt, Victoria Williams, The Schramms, Jackie Leven, Dostoyevskis, M. Walking on the Water, Continental Drifters, The Silos, um nur einige zu nennen, Theateraufführungen, wie Koppelbergs „Testament“, Tom Wolters „Dario Fo“, das Obdachlosentheater Hannover oder eigene Veranstaltungen, wie Weihnachtssingen, Cottenclub und Frühlingsfest. Desweiteren wären noch zu erwähnen Sabine v. Oettingens Modenschau, Christiane Rothes musikalische Abende oder Satire von Ingo Insterburg, Phillip Sonntag und Jürgen Scheller.

Der Überfall Rechtsradikaler auf des Objekt, bei dem der Schlagzeuger einer bei uns gastierenden Band schwer verletzt wurde, und die gewaltsam verhinderte Lesung Walter Mompers durch die sogenannte linke autonome Szene Halles gehören zu den wenigen traurigen Geschichten, an die ich mich erinnere. Bleibt die Erkenntnis, nur mit einem guten Team, mit einem guten Umfeld, guten Freunden, toleranten Nachbarn und vor allem einem guten treuen Publikum ist so etwas zu schaffen, wie die letzten sieben Jahre zeigen.

Habt alle Dank dafür! Und auf die nächsten sieben Jahre!

April 1998 M. K.

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