Man
muß die Feste feiern, wie sie fallen ! So oder ähnlich könnte
man die Situation in der halleschen Szene wohl beschreiben, denn außer
den drei Berühmten Studentenclubs mit ihren charmanten
Einlaßmethoden war nicht viel zu holen in Halle an der Saale. Und so
waren die spontan organisierten Partys in Privatwohnungen oder Hinterhöfen
durchaus die Höhepunkte des Nachtlebens in der Saalestadt. Der gute
Ruf mancher dieser Veranstaltungen war über die Grenzen unserer Stadt
bekannt.
Mehrere Male im Jahr war der kleine Hinterhof in der Seebener Straße
5 DIE ADRESSE. Party im Objekt 5, das war was ganz Besonderes. Klaus
Mitschke und Freunde organisierten unvergessene Nächte. Eine kleine
wackelige Bretterbühne, eine improvisierte Hofüberdachung,
Livemusik, Theater, Lesungen und Getränke ohne Ende. Ganz einfach!
Die Leute kamen, feierten die Nächte durch, ja man fühlte sich
sauwohl hier.
Nach 89 ging ein gewaltiger Ruck durch Halles Kneipenszenerie.
Einige der Jungen Wilden machten den Wunsch nach einem Platz,
an dem man unter sich sein konnte, zur Profession.
Unvergessen
die Eröffnung vom Café NÖÖ 1990 im Reformhaus. Aus
Bolldorfs Atelier wurde so nach und nach das Atelier Bolldorf, und aus
Peter Brocks Wohnung wurde die erste Kneipe mit Billard. Und diese Läden
wurden förmlich gestürmt. Endlich gab es Kneipen, wie wir sie
liebten.
So wie den meisten von uns ging es wohl auch Klaus Mitschke. Inspiriert
von dieser Aufbruchstimmung dachte er darüber nach, wie man auch im
Objekt 5 etwas ins Leben rufen könnte, was an alte Zeiten anknüpft
und neue Möglichkeiten bietet. Klaus hatte inzwischen das Grundstück,
in dem er bis dato zur Miete lebte, von der Stadt Halle gekauft. Eine
genaue Vorstellung von dem, was passieren sollte, hatte man zwar noch
nicht, aber es wurden Ideen gesammelt.
Uns trieb ja keiner, wir hatten alle Zeit der Welt.
Eine kleine Formalität, der Eintrag ins Grundbuch der Stadt Halle,
schien nur noch Formsache zu sein, und dann würde es schon irgendwie
vorwärts gehen.
Im Januar 1991 verunglückte Klaus bei einem Autounfall tödlich.
Eine kleine Runde von Klaus Mitschkes Freunden traf sich später
jeden Montag Abend im Objekt. Moritz Götze, Gerd Westermann, Matthias
(Watschel) Waschitschka, Thomas Wittenbecher und Jan Möser saßen
zusammen und überlegten, wie es weitergehen könnte im Objekt 5.
Später wurden wir zu diesen Montagsgesprächen mit eingeladen.
Wir, das sind Andre Grünewald, Stefan (Lui) Ludwig und Markus Keitel.
Irgendwann entstand die Idee, einen Kulturverein Objekt 5 zu gründen.
Die Vorstellungen gingen dahin, daß dieser Verein auf dem Grundstück
Seebener Straße 5 die Voraussetzungen schafft, um Veranstaltungen
wie Livemusik, Theater, Kino, Kabarett u.s.w. verbunden mit einer Gastronomischen
Versorgung durchführen zu können. Eigentlich sollte das
Objekt 5 nur an Wochenenden eine Alternative zum restlichen Angebot in
Halle sein, und diese Organisation bzw. die nötigen Umbauten sollten
nebenbei, d.h. neben unseren festen Jobs durchgezogen werden.
Am
15. April. 1991 wurde der Kulturverein Objekt 5 gegründet.
Am 1. Mai 1991 öffnete das Objekt zum ersten Mal nach der Umbauzeit
die Pforten. Der kleine Hinterhof hatte sich ganz schön gemausert.
Eine fest installierte Bühne, Licht- und Tonanlagen, einen
gepflasterten Hof, eine Überdachung aus Planen, alte Kneipenmöbel
und ein Ausschank mit einer kleinen Küche.
Mit dem Film Heißer Sommer, einem Konzert der Rothen
Granaten und einer ziemlich guten Stimmung bei allen Beteiligten
feierten wir die Eröffnung des alten - neuen Objekt 5.
So, wie es geplant war, ging es dann weiter. Nur mit dem Unterschied, daß
das Objekt nicht nur an den Wochenenden, sondern täglich ab 20 Uhr geöffnet
hatte. Mit den Eltern von Klaus gab es einen Miet- bzw. Nutzungsvertrag
mit dem Verein.
Lui, Andre und ich hatten plötzlich zwei Jobs. Neben unserer Tätigkeit
im neuen theater waren wir auch die Betreiber einer Kneipe und
Veranstalter. Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen. Und so kündigten
wir nacheinander unsere Verträge am Theater, um uns voll aufs Objekt
zu stürzen.
Die Programme wurden monatlich geplant. Regelmäßige
Veranstaltungsreihen entstanden. Livekonzerte, Theateraufführungen,
Kabarett und Kino. Es war eigentlich immer etwas los. Mit dem Tango-Totale
gab es bald auch eine der begehrtesten Tanznächte im Objekt.
Die ersten Herbststürme zerstörten 1991 unsere improvisierte
Hofüberdachung. Für ein paar Tage war der Betrieb in der
Seebener Straße 5 lahmgelegt. Dann wurde ein relativ großes
Armeezelt im Hof aufgestellt. Mit zwei Dauerbrandöfen und einer
riesigen Menge Glühwein versuchten wir, den strengen Temperaturen zu
begegnen, und eine Weile ging das auch. Selbst in diesem Zelt spielten
Bands. Die Dostoyevskis gaben in diesem Ambiente ihr erstes
Konzert in Halle. Aber auf Dauer war das kein Zustand. Das nächste
Provisorium mußte her. Aus Einwegpaletten und Gerüstmaterial
wurde eine neue Hofüberdachung gebaut. Mit einem Heißluftgebläse
konnte der Hof jetzt beheizt werden. So kamen wir über den ersten
Winter.
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