Markus Keitel: Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. ( Teil 1 ... bis Ende 1991 )

Man muß die Feste feiern, wie sie fallen ! So oder ähnlich könnte man die Situation in der halleschen Szene wohl beschreiben, denn außer den drei „Berühmten Studentenclubs“ mit ihren charmanten Einlaßmethoden war nicht viel zu holen in Halle an der Saale. Und so waren die spontan organisierten Partys in Privatwohnungen oder Hinterhöfen durchaus die Höhepunkte des Nachtlebens in der Saalestadt. Der gute Ruf mancher dieser Veranstaltungen war über die Grenzen unserer Stadt bekannt.

Mehrere Male im Jahr war der kleine Hinterhof in der Seebener Straße 5 DIE ADRESSE. Party im Objekt 5, das war was ganz Besonderes. Klaus Mitschke und Freunde organisierten unvergessene Nächte. Eine kleine wackelige Bretterbühne, eine improvisierte Hofüberdachung, Livemusik, Theater, Lesungen und Getränke ohne Ende. Ganz einfach! Die Leute kamen, feierten die Nächte durch, ja man fühlte sich sauwohl hier.

Nach ’89 ging ein gewaltiger Ruck durch Halles Kneipenszenerie. Einige der „Jungen Wilden“ machten den Wunsch nach einem Platz, an dem man unter sich sein konnte, zur Profession.
Unvergessen die Eröffnung vom Café NÖÖ 1990 im Reformhaus. Aus Bolldorfs Atelier wurde so nach und nach das Atelier Bolldorf, und aus Peter Brocks Wohnung wurde die erste Kneipe mit Billard. Und diese Läden wurden förmlich gestürmt. Endlich gab es Kneipen, wie wir sie liebten.
So wie den meisten von uns ging es wohl auch Klaus Mitschke. Inspiriert von dieser Aufbruchstimmung dachte er darüber nach, wie man auch im Objekt 5 etwas ins Leben rufen könnte, was an alte Zeiten anknüpft und neue Möglichkeiten bietet. Klaus hatte inzwischen das Grundstück, in dem er bis dato zur Miete lebte, von der Stadt Halle gekauft. Eine genaue Vorstellung von dem, was passieren sollte, hatte man zwar noch nicht, aber es wurden Ideen gesammelt.
Uns trieb ja keiner, wir hatten alle Zeit der Welt.

Eine kleine Formalität, der Eintrag ins Grundbuch der Stadt Halle, schien nur noch Formsache zu sein, und dann würde es schon irgendwie vorwärts gehen.
Im Januar 1991 verunglückte Klaus bei einem Autounfall tödlich.

Eine kleine Runde von Klaus Mitschkes Freunden traf sich später jeden Montag Abend im Objekt. Moritz Götze, Gerd Westermann, Matthias (Watschel) Waschitschka, Thomas Wittenbecher und Jan Möser saßen zusammen und überlegten, wie es weitergehen könnte im Objekt 5. Später wurden wir zu diesen Montagsgesprächen mit eingeladen. Wir, das sind Andre Grünewald, Stefan (Lui) Ludwig und Markus Keitel.
Irgendwann entstand die Idee, einen Kulturverein Objekt 5 zu gründen. Die Vorstellungen gingen dahin, daß dieser Verein auf dem Grundstück Seebener Straße 5 die Voraussetzungen schafft, um Veranstaltungen wie Livemusik, Theater, Kino, Kabarett u.s.w. verbunden mit einer „Gastronomischen Versorgung“ durchführen zu können. Eigentlich sollte das Objekt 5 nur an Wochenenden eine Alternative zum restlichen Angebot in Halle sein, und diese Organisation bzw. die nötigen Umbauten sollten nebenbei, d.h. neben unseren festen Jobs durchgezogen werden.

Am 15. April. 1991 wurde der Kulturverein Objekt 5 gegründet.
Am 1. Mai 1991 öffnete das Objekt zum ersten Mal nach der Umbauzeit die Pforten. Der kleine Hinterhof hatte sich ganz schön gemausert. Eine fest installierte Bühne, Licht- und Tonanlagen, einen gepflasterten Hof, eine Überdachung aus Planen, alte Kneipenmöbel und ein Ausschank mit einer kleinen Küche.
Mit dem Film „Heißer Sommer“, einem Konzert der „Rothen Granaten“ und einer ziemlich guten Stimmung bei allen Beteiligten feierten wir die Eröffnung des alten - neuen Objekt 5.
So, wie es geplant war, ging es dann weiter. Nur mit dem Unterschied, daß das Objekt nicht nur an den Wochenenden, sondern täglich ab 20 Uhr geöffnet hatte. Mit den Eltern von Klaus gab es einen Miet- bzw. Nutzungsvertrag mit dem Verein.

Lui, Andre und ich hatten plötzlich zwei Jobs. Neben unserer Tätigkeit im neuen theater waren wir auch die Betreiber einer Kneipe und Veranstalter. Dieser Zustand war nicht lange zu ertragen. Und so kündigten wir nacheinander unsere Verträge am Theater, um uns voll aufs Objekt zu stürzen.
Die Programme wurden monatlich geplant. Regelmäßige Veranstaltungsreihen entstanden. Livekonzerte, Theateraufführungen, Kabarett und Kino. Es war eigentlich immer etwas los. Mit dem Tango-Totale gab es bald auch eine der begehrtesten Tanznächte im Objekt.

Die ersten Herbststürme zerstörten 1991 unsere improvisierte Hofüberdachung. Für ein paar Tage war der Betrieb in der Seebener Straße 5 lahmgelegt. Dann wurde ein relativ großes Armeezelt im Hof aufgestellt. Mit zwei Dauerbrandöfen und einer riesigen Menge Glühwein versuchten wir, den strengen Temperaturen zu begegnen, und eine Weile ging das auch. Selbst in diesem Zelt spielten Bands. Die „Dostoyevskis“ gaben in diesem Ambiente ihr erstes Konzert in Halle. Aber auf Dauer war das kein Zustand. Das nächste Provisorium mußte her. Aus Einwegpaletten und Gerüstmaterial wurde eine neue Hofüberdachung gebaut. Mit einem Heißluftgebläse konnte der Hof jetzt beheizt werden. So kamen wir über den ersten Winter.

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