Wer wohnte in der Seebener Straße 5? - Adressbuchrapport |
Vorsatz
1. Finstere Zeiten - Kirchenbuchrapport
2. Reichardts Töchter-Orchester
3. Nachtigallen im Wittekind-Bad
4. Kaiser- und Kinderspiele
5. Kleiner Ausflug in die Legende
6. Wer wohnte in der Seebener Straße 5? -
Adressbuchrapport
6. Wer wohnte in der Seebener Straße 5? Adressbuchrapport
Die Seebener Straße hieß bis zur Eingemeindung Giebichensteins
zu Halle Trothaer Straße. Die heutige Nummer fünf war bis in
die Zwanziger Jahre die Nummer drei. Wie alt das Haus ist, war aus den
Bauakten leider nicht zu entnehmen. Doch es ist im halleschen
Denkmalsverzeichnis folgendermaßen beschrieben: Einfacher
zweigeschossiger Putzbau mit Krüppelwalmdach, gut und nahezu unverändert
erhaltenes Relikt der ältesten dörflichen Bebauung
Giebichensteins, erbaut 18./frühes 19. Jahrhundert.
Die Bauakte (Stadtarchiv) läßt auf eine fröhliche Bautätigkeit
schließen. 1867 wurde ein neuer Schornstein erbaut. Der Maurer K.
Hanemann war Besitzer und Bauherr. Im Frühjahr 1884 beantragte seine
Frau Emelie Hanemann, inzwischen Witwe, den Anbau eines Wohnhauses, im
Sommer bereits den Anbau des Hintergebäudes. Im Juni 1885 wurde für
den Bau von Kohlenställen ein Stück Böschung abgetragen.
Außer der Witwe wohnten der Oebster (Obsthändler) Schmuhl, zwei
Handarbeiter Jansen und Rehfeld und der Berginspektor Uhde in der Trothaer
Straße 3. Der nächste Besitzer war von 1890 bis 1920 Paul
Harnisch.
Entweder sind die Eintragungen im Adressbuch ungenau, oder der Mann hatte
tatsächlich mehrere Berufe: Kaufmann, Mechaniker, Schlosser und
Fleischbeschauer. Eine Fleischerei befand sich im Nebenhaus, in der 4
(Fleischerei Sturm). Mehrere Maurer und Witwen bewohnten das Haus um die
Jahrhundertwende. In den Neunzigern zog der Arbeiter Fritz Hesse ein, der
fast vierzig Jahre im Haus blieb. In dieser Zeit qualifizierte er sich vom
Rangierer zum Schirrmeister und schließlich zum Bahnpolizeibeamten
weiter.
1905 verzeichnet das Adressbuch in seiner trockenen Art unter den sechs
Wohnparteien beispielsweise: Fölbel, F., Straßenbahnschaffner
und Nerche, W., Fräulein. Das Fräulein Wilhelmine Nerche wird später
aber auch als Rentiere und Privata geführt.
1920
gibt es im Haus neun Wohnparteien. Eine davon ist die Witwe Hedwig Hammer
mit ihrer Tochter Hedwig Hammer, die als Plätterin arbeitete. Die Plätterin
zog in den Dreißigern aus, ihre Mutter blieb bis nach dem Krieg im
Haus.
Ab 1930 etwa gehörte das Haus dem Universitätsprofessor H.
Bauer, der selbst in der Kronprinzenstraße wohnte und im Adressbuch
seine Postscheckkontonummer angegeben hatte. Er führte eine ausführliche
Baukorrespondenz mit den entsprechenden Ämtern über Umbauten,
vor allem von Abortanlagen. 1931 wird Bauer von der städtischen
Baupolizeiverwaltung wiederholt aufgefordert, die Abortanlage in Ihrem
Grundstück Seebenerstraße 5 zu beseitigen und die unmittelbare
Abschwemmung der menschlichen Abgänge in das Städtische
Kanalnetz herbeizuführen.
Die Toilettenlage blieb offensichtlich unbefriedigend, denn zwei Jahre später
, 1933, bittet Bauer um eine Genehmigung zum Abortumbau, mit dem Gruß
Heil Hitler.
Einige Jahre später bittet er um Weiterbenutzung einer Aschengrube,
weil ihm der Anschluß an die städtische Müllabfuhr zu
teuer war.
Im Zweiten Weltkrieg steigt die Zahl der Witwen im Haus Seebener Straße
5 auf drei. Die Arbeiter Pfeiffer und Lerchner wohnen dort und der
Werktischlermeister Schuchardt. Die Pohle, Frieda , führt im
Adressbuch die Berufsbezeichnung Frau.
Nach dem Krieg ist aus ihr die Bohle, Frieda, geworden, Hausverwalterin.
Als erster Künstler bewohnt das künftige Objekt 5 ab 1950 der Sänger
Wolfgang Dressel.In dem kleinen dörflichen Haus Seebener Straße
5, seinem vorstädtischen Anbau und seinem kleinen Hinterhaus haben in
den 90 Jahren, in denen das hallesche Adressbuch geführt wurde,
einfache Leute gelebt: Maurer, Witwen, Arbeiter. Es gab kein Telefon, und
mit den Toiletten hat es offensichtlich jahrelang Hudeleien gegeben. Daß
sie dem Giebichensteiner Dichterparadies gegenüber wohnten und Kaiser
und Könige an ihrem Haus vorrüberritten, hat ihnen vielleicht
nicht viel bedeutet. Aber daß sie die schöne Umgebung
wahrgenommen und den Nachtigallen gelauscht haben, dürfen wir
vermuten.
Quellen:
- Kirchenbücher der Bartholomäusgemeinde Bauakte
- Stadtarchiv Häuserarchiv - Stadtarchiv Adressbücher - 1880 bis
1950
- Stadtarchiv Friedrich Linke
- Chronik von Giebichenstein Erich Neuss
- Das Giebichensteiner Dichterparadies Siegmund Schultze-Galléra
- Wanderungen im Saalkreis Derselbe
- Alte Giebichensteiner Vergnügungsgärten Heimatkalender Halle
1923
- Giebichensteiner Heimatkalender 1939 bis 1942
- Denkmalsverzeichnis von Sachsen-Anhalt, Halle
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