Nachtigallen im Wittekind-Bad |
Vorsatz
1. Finstere Zeiten - Kirchenbuchrapport
2. Reichardts Töchter-Orchester
3. Nachtigallen im Wittekind-Bad
4. Kaiser- und Kinderspiele
5. Kleiner Ausflug in die Legende
6. Wer wohnte in der Seebener Straße 5? -
Adressbuchrapport
3. Nachtigallen im Wittekind-Bad
Über die Grenzen bekannt wurde Giebichenstein durch das Bad
Wittekind. Der Hallesche Kaufmann Thiele entdeckte die Solquelle im Jahre
1845 wieder, sie war bereits Karl dem Großen bekannt gewesen. Thiele
hatte zunächst nur nach einem erholsamen Fleckchen für seine
Kinder gesucht.
1846 eröffnete er eine Bade und Trinkanstalt, die sich
großen Zuspruchs erfreute, sicherlich nicht zuletzt der reizvollen
Lage wegen. Die heilsame Sole betrug im Brunnen 10 Grad und wurde äußerlich
und innerlich angewendet.
Skrofulose, chronischen Schleimkatarrhen, Unterleibs- und Hautkrankheiten
wurde damit zu Leibe gerückt. War das medizinische Pflichtprogramm
erledigt, folgte die ebenso wichtige Auflockerung der Psyche. Dazu lud der
große Park tags und besonders abends ein. Da sangen nicht nur die
Nachtigallen, sondern auch Natursänger, die jodelten. Der Park war
großartig illuminiert, Feuerwerke und Luftballons stiegen zum Himmel
auf.
Thiele bemühte sich jahrelang um eine ministerielle Anerkennung
seines Bades, um Badesalz und Brunnen in anderen Krankenanstalten einführen
zu lassen. Das wurde abgelehnt. Auch seine Bitte um Kredit, damit er Gebäude
erweitern und Straßen in Giebichenstein ausbessern lassen könne,
wurde von des Königs Majestät nicht bewilligt.
Dennoch erfreute sich sein Bad in der Zeit von 1846 bis 1870 großen
Zuspruchs. Fast 18 000 Gäste kamen in diesem Zeitraum unter anderem
aus Polen, Rußland und Italien hierher. Zu den berühmten Gästen
gehörte Friedrich Nietzsche, der sich während seines Militärdienstes
1868 bei einem indianerverdächtigen Sprung aufs Pferd das Brustbein
verletzt hatte. Er soll den Aufenthalt im Wittekindbad als zwiespältig
empfunden haben, ist aber dann doch als völlig geheilt versöhnt
geschieden.
Mit der Angliederung an Halle und dem 1906 erfolgten Ankauf durch den
Zoologischen Garten, durch Straßen- und Wohnungsbau ging die
idyllische Abgeschiedenheit verloren.
1922 wurde der Badebetrieb eingestellt.
Doch die Nachtigallen kann man, wenn man sommers im Café Bolldorf
sitzt, immer noch hören.
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