Reichardts Töchter-Orchester |
Vorsatz
1. Finstere Zeiten - Kirchenbuchrapport
2. Reichardts Töchter-Orchester
3. Nachtigallen im Wittekind-Bad
4. Kaiser- und Kinderspiele
5. Kleiner Ausflug in die Legende
6. Wer wohnte in der Seebener Straße 5? -
Adressbuchrapport
2. Reichardts Töchter-Orchester
Die Zeiten spielen immer wieder ineinander, allein die Düsternis des
vorigen Kapitels erfordert einen lichten Kontrast, den wird das
Giebichensteiner Dichterparadies bieten.
Erich Neuss hat ihm in seinem gleichnamigen Büchlein ein Denkmal
gesetzt. Von den zahlreichen Gärten und Parks ist zweifellos der
Amtsgarten, früher der Burggarten oder Schloßpark, der älteste.
Eine Topographie von 1654 zeigt noch kahle steinige Rasenhügel. Als
eigentlicher Schöpfer des Gartens ist Reichsfreiherr Ochs vom
Ochsenstein anzusehen. Heimatforscher Baron Schultze - Galléra
schreibt über ihn: Das stolze Blut alter elsässischer Ahnen
rollte in seinen Adern .
1740 bis 1750 wirkte Ochs als Amtmann in Giebichenstein. Er bepflanzte die
Burgstraße mit Linden und Kirschen. Sein eigentliches Werk aber ist
Gestaltung des alten Giebichenstein, das Reichardts Dichterfreunde
vielstimmig besungen haben.
Ochs räumte den Schloßgraben aus und legte ein Lustgärtlein
mit Springbrunnen an, auf den Höhenzügen entstanden Lusthäuser,
die Rundumblicke ins weite Land gestatteten. In Achim von Arnims
Studentenspiel Halle ruft Lysander Olympie zu: Sieh lieber
dort, wie hell des Petersberges Klostertrümmer im Sonnenschimmer
leuchten.
Und er beklagt, daß diese Zeit die klösterliche Einsamkeit
nicht zu schätzen wisse. Doch Olympie antwortet diplomatisch: Sind
wir nicht beide eine Einsamkeit zusammen?
Der Amtmann Ochs legte Rasen und Alleen, Obst- und Küchengärten
an. Er soll in zehn Jahren mehr geschaffen haben, als andere in achtzig
Jahren zuvor. Doch Friedrich der Zweite bezahlte diese Verschönerungen
seiner Domäne nicht. Da soll Ochs die Pflanzungen und Lusthäuser
kurzerhand zerstört und sich mit seiner Gemahlin verbittert nach
Bitterfeld zurückgezogen haben.
Zurück zur Natur - dieser Rousseausche Ruf hallte auch durchs
Saaletal. 1786 beschrieb Heinrich Gottlieb Schmieder ein Nachtkonzert, das
gegenüber der Peißnitzinsel unterhalb des späteren
Lehmannsfelsens stattgefunden hatte, in einem freundlich grünen
Amphitheater. Der ganze Platz, die Bergschichten waren reihenweis mit
Menschen angefüllt. Schmieder will die Saale sanft rauschen gehört
haben.
Nach geendigtem musikalischem Stücke ertönten die belebten
Berge von Beifallsklatschen - das war ein Triumphgetös der Natur.
Das hatte Reichardt gelesen.
Und
er zog an die Saale und errichtete das Giebichensteiner Jubelparadies.
Sein Schwiegersohn Henrich Steffens nannte Reichardts Garten die schönste
Komposition seines Lebens und seines Geistes . Das Grundstück zog
sich vom Oberschmelzer (Friedenstraße 1) mit einem Gefälle von
30 Metern zum Unterschmelzer hin. Im Unterschmelzer wohnte die Familie
Reichardt, das Haus mußte Ende des vorigen Jahrhunderts der neuen
Straßenführung der Seebener Straße weichen.
Reichardt legte Wege an, pflanzte Kiefern, Fichten, die später Eichen
und Akazien weichen mußten, und die berühmten halleschen
Fliederbüsche und Rosen, Rosen, Rosen. Das Gartenleben war für
Reichardt untrennbar mit der Musik im Freien verbunden. Steffens schreibt:
Reichardt hatte seinem Kutscher und seinem Bedienten Unterricht geben
lassen im Waldhornblasen und seine Töchter bildeten zusammen
Gesangschöre. Da sind sie - Reichardts Töchter, ein ganzes
Tochter-Orchester, schreibt Jean Paul, das so schön klingt, wie lebt,
obwohl nicht so schön aussieht.
Ludwig Tieck (Schwager der zweiten Frau Reichardts) nennt sie Gesangs-Göttinnen.
Johann Friedrich Reichardt war also zweimal verheiratet. Aus der ersten
Ehe stammen die Töchter Luise und Juliane. Die zweite Ehefrau Johanna
Alberti, verwitwete Hensler, brachte drei Kinder aus ihrer ersten Ehe mit:
Wilhelm, Charlotte und Wilhelmine Hensler.
Zusammen hatten Johann Friedrich und Johanna Reichardt noch fünf
Kinder: Johanna, Hermann, Friederike, Sophie und Fritz. Das sind insgesamt
elf Kinder. Zwischen Johanna Albertis erstem Kind aus erster Ehe und ihrem
letzten Kind von Reichardt ist ein Altersabstand von 30 Jahren!
Insgesamt müssen in dem Reichardtschen Haus sieben Mädchen göttlich
gesungen, wenn auch laut Jean Paul nicht so ausgesehen haben. Nur die
vorletzte, die Rieke, fand Gnade vor seinem Schönheitsauge.
Luise, die älteste Tochter, komponierte auch, einfacher als ihr
Vater, fand Achim von Arnim. Er bekam von Luise zum Weihnachtsfest 1805
eine gehöhlte Nuß, in der sich mit einem roten Bande gebunden
eine zierlich fein geschriebene Musik nach einem Text aus Arnims Des
Knaben Wunderhorn befand. Mir war die Nuß wie eine Weltkugel
im Planetario. schrieb Arnim seinem Schwager Clemens Brentano.
Überhaupt waren die Weihnachtsgeschenke im Reichardtschen Haus von
ausgefallener Art. Arnim schreibt im gleichen Brief: Die anderen
schenkten mir wunderlichen Confekt. Nüsse, Kanonen, Szepter von
Marzipan. Ich ließ einen Bienenkorb von Marzipan machen, viel Bienen
schwebten an Drähten umher, ich summte dazu und hatte drauf
geschrieben: Den Geselligen.
Gesellig
war das Leben in Reichardts Haus allemal. Wilhelm Grimm feierte 1809 dort
seinen Geburtstag, an dem er eine grüne Jägeruniform trug,
wie Arnim berichtete: Man sang und musizierte, nur die Töchter
Hanne Steffens und Juliane Stelzer waren still; sie trugen, wie Wilhelm
scherzhaft sagte, an der kleinen Hausarbeit, die sie den Sommer über
verfertigt hatten, d.h. sie sahen ihrer Niederkunft entgegen.
Auch Dichterfürst Goethe hörte die Nachtigallen in Reichardts
Garten schlagen. Reichardt hatte einige Singspiele und Dramen Goethes
vertont. Doch unterschiedliche politische Ansichten führten zum
sogenannten Xenienstreit, in dem Goethe mit Freund Schiller Reichardt
unfein beschimpfte. Die Freundschaft begann mit einer Feindschaft.
Reichardt hatte durch seine Sympathie für die Französische
Revolution und den Verkehr mit Republikanern seine Stelle als Königlicher
Preußischer Hofkapellmeister verloren. Er zog sich auf sein Gut in
Giebichenstein zurück. In der von ihm gegründeten Zeitschrift
Deutschland wandte er sich sowohl gegen despotische Monarchen wie
tyrannische Jakobiner. In dieser Zeitschrift veröffentlichte
Reichardt seine harte Kritik an den Horen, der Zeitschrift
Goethes und Schillers. Reichardt rieb sich an der politischen
Abstinenz der Zeitschrift und dem in de Beiträgen vermittelten
politischen Konservatismus.
Die Weimarer schlugen mit Wortgewalt zurück. In der Xenie Nummer 216
heißt es : Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt
ihr sie stürzen; Hat man Schmarotzer noch nie dankbar dem Wirte
gesehn.
Den ersten Schritt zur Annäherung nach diesem Streit tat Reichardt,
als Goethe 1801 schwer erkrankte. Er schrieb ihm einen Brief, in dem er
sich um Goethens Gesundheit besorgte und die Kränkung, die ihm der
Dichterfürst einst angetan hatte, ganz außer acht ließ.
Goethe war gerührt und antwortete herzlich.
Und als das Projekt Theater Lauchstädt Formen annahm, ließ er
sich des öfteren als Reichardts Gast in dessen Haus und Garten
nieder. Er lauschte der glockenhellen Stimme Luisens, die die Lieder ihres
Vaters nach Goethens Texten vortrug.
Reichardts Stolz, den großen Meister zu beherbergen, rief auch
Neider auf den Plan. Einer überlieferte, daß Reichardt gewöhnlich
im geschlossenen Wagen fuhr. Als aber Goethe bei ihm war, soll er trotz
des kühlen Wetters und drohendem Regen mit zurückgeschlagenem
Deck durch Halle gefahren sein, damit alle Welt sehen solle, welch berühmten
Gast er bei sich hatte.
Später weilte auch Christiane Goethe in der Herberge der Romantik.
Voller Stolz schreibt sie ihrem Gatten: Ganz oben, wo man auf der
einen Seite Halle sieht und auf der anderen die Felsen und die Saale, da
ist es ganz himmlisch. Da an der Mauer, ist eine Bank gemacht und heißt
Goethens Bank.
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